BOB antwortet dem NOZ Faktenfinder zu Inzidenzwertberechnung der Stadt Osnabrück


Wir haben es uns mit unserem Antrag “gegen die Ausgangssperre” nicht leicht gemacht: Neben der ungenügenden Datenlage bemängeln wir, dass eine Allgemeinverfügung nicht das richtige Rechtsmittel für so eine einschneidende Maßnahme ist und das die Verwaltung nicht vorher alle niederschwelligeren Möglichkeiten ausgeschöpft hat, bevor die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt beschnitten werden. Ebenso hat die Bundesregierung beschlossen, im April für die Coronamaßnahmen sich nicht mehr nur auf den Inzidenzwert zu stützen, der “Ausgangssperre liegt aber genau dieser Inzidenzwert zugrunde.

Wir werden sehen, wie das VG in Osnabrück am Dienstag entscheiden wird. 

Bezüglich der Datenlage hat sich die NOZ eingeschaltet: Steigen die Zahlen in Osnabrück nur weil mehr getestet wird?

 

 

Sehr geehrte Frau Derksen,

als Verfasserin der „Studie“ nach Korrespondenz mit Stadt und Landkreis sowie als eine der Klägerinnen nehme ich zu Ihrem sog. Faktencheck wie folgt Stellung:

Mein Interesse lag u.a. darin, die Berechnung der Inzidenzen nachzuvollziehen und ggfs. zu widerlegen. Zur Berechnung der Inzidenz werden die sog. Fallzahlen, d.h. die mit einem PCR Test positiv getesteten Personen (fälschlicherweise häufig als “infiziert“ bezeichnet), durch die Anzahl der Einwohner dividiert. Das Ergebnis wird sodann mit 100.000 multipliziert.

Nur zur Veranschaulichung – in einem Dorf mit 100 Einwohnern und einem Fall liegt die Inzidenz bei 1000. Eine Inzidenz von 150 erreicht man in Osnabrück demgemäß mit nur 248 Fällen, in Prozent ausgedrückt sind das lediglich 0,15 % der Bevölkerung-.

Daher sollte man genau betrachten, wie sich die Fallzahlen im Zeitverlauf entwickeln, ob sie mit den neuen, z.T. kostenlosen Testmöglichkeiten steigen und ob ein in die Berechnung einfließender Fall auch tatsächlich ein relevanter Fall ist. Ein Fall ist übrigens noch lange kein Infizierter, denn weder der PCR Test noch der Antigen- oder Schnelltest weisen eine Infektion nach. Ich spreche daher im weiteren Verlauf nur von positiven Fällen. Die Ergebnisse der Testzentren / Antigentests dürften lt. Definition nicht als Fall in die Berechnung der Inzidenz einfließen, da es sich nicht um PCR Tests handelt.

Leider wurden mir die angefragten Zahlen trotz mehrfacher Nachfrage von Stadt und Landkreis nur sehr unvollständig zur Verfügung gestellt, siehe Tabelle anbei. Die übermittelten Zahlen sind die Tests und Ergebnisse aus den Testzentren, es fehlen die Testzahlen und Ergebnisse aus den Laboren.

Ihre in dem o.g. Artikel aufgeführte Berechnung wundert mich doch sehr. Woher nehmen Sie bspw. die Zahl in Höhe von 25.735 Tests und 137 Fälle? Wenn es sich tatsächlich nur um 137 Fälle handeln sollte, so hätten  wir nur eine Inzidenz von 83 in Osnabrück (137 /165.000 * 100.000). Wenn es sich allerdings um die Ergebnisse aus den Testzentren handelt, dürften sie gar nicht mitgerechnet werden, da es sich eben nicht um PCR Tests handelt. Wie also kommen Sie / kommt die Stadt mit dem „Statistik-Team“ (? Ist das ganz neu?) auf diese Zahlen? Es scheint, als würde bei den Fällen nur ein Wochenergebnis verwertet, bei den Tests hingegen werden die Zahlen von der KW 7-11 (oder 12?) KW kumuliert?

 

In jedem Fall gibt es viele Fragen :

  • Wieso weichen die Inzidenzen des Landkreises eklatant von denen ab, die ich lt. übermittelten Informationen errechnen konnte und deutlich niedriger sind als die ausgewiesenen?
  • Kann ausgeschlossen werden, dass Ergebnisse aus den Testzentren, also Antigen-Tests, mit in die Berechnung der Inzidenz einfließen?
  • Kann ausgeschlossen werden, dass positive Fälle doppelt gezählt werden, wenn bspw. bei unklarer Lage innerhalb einer Woche ein zweiter Test bei ein und derselben Person gemacht wird?
  • Werden die Ergebnisse bereits geimpfter Personen besonders berücksichtigt ?

 

Die Anzahl der Labore in Stadt und Landkreis ist lt. Mitarbeiter des Landkreises „überschaubar“ und jedes Labor rechnet jede Untersuchung garantiert ganz genau ab – ich gehe jedenfalls nicht davon aus, dass kostenlose Untersuchungen gemacht werden. Die Aussage, dass Ärzte Labore nutzen, die irgendwo im Bundesgebiet liegen, halte ich für eher unwahrscheinlich und bei der Berechnung der Anzahl der Gesamttests auch für nicht relevant. Man kann bspw. annehmen, dass die Anzahl der in den Laboren in Stadt und Land untersuchten Tests auch mit der Anzahl der durchgeführten Tests in Stadt/ Land übereinstimmt. Im Umkehrschluss kann ja ebenso ein Arzt aus Düsseldorf ein Labor im Osnabrück beauftragen usw., sodass sich diese „Ausreißer“ im statischen Mittel wieder ausgleichen. Ich habe daher sowohl beim Landkreis als auch bei der Stadt Osnabrück nach der Anzahl aller Tests im Zeitverlauf von der 1KW – 12 KW gefragt und wie gesagt keine Auskunft erhalten – obwohl das sog. „statistische Team“ diese Zahlen wie ausgeführt sichere leicht ermitteln könnte. Weiterhin wollte ich die Anzahl aller Fälle sowie die daraus ermittelten Inzidenzen wissen, außerdem die Entwicklung der Mitarbeiterzahl im Gesundheitsamt Osnabrück -denn die niedrig angesetzten Inzidenzen sind an die Fähigkeit der Gesundheitsämter gekoppelt, die Fälle nachverfolgen zu können. Zu guter Letzt noch die Belegung der Intensivbetten mit Coronapatienten in Osnabrücker Krankenhäusern, ebenfalls im zeitlichen Verlauf. Leider wurden mir die Zahlen trotz mehrfacher Nachfrage nicht oder nur sehr unvollständig zur Verfügung gestellt, siehe erneut Tabelle anbei.

Zu den PCR Tests sagen Sie: es sei nicht unwahrscheinlich – heißt im Umkehrschluss: es ist wahrscheinlich !- dass der Anteil der positiven PCR Tests steigt. Schließlich werden die Personen, die einen PCR Test machen, nicht zufällig ausgewählt. Nun, wenn sich in den Testzentren Bürger testen lassen, die einen Freund oder Verwandten besuchen wollen, in Urlaub fahren möchten etc.- wenn es sich also um eine zufällige Stichprobe handelt- dann ist der Anstieg der Fälle selbstverständlich auch auf die Anzahl der Testungen zurückzuführen und eben doch auch zufällig.

Interessant finde ich auch Ihre Schlussfolgerungen bzgl. der Testzahlen und Fälle lt. RKI aus den Jahren 2020 / 2021. Ich habe dazu die Tabelle beigefügt, die ich seit März letzten Jahres mit den Zahlen des RKI wöchentlich aktualisiere.

 

Das Statistik-Team hätte bzw. Sie hätten bei eingehender Recherche  leicht darauf stoßen können, dass es sich bei dem angeblichen Anstieg der Testzahlen im Mai 2020 und dem gleichzeitigen Sinken der Fallzahlen um eine statistisch nicht signifikante Veränderung handelte. Interessant ist doch, dass die Positivrate stetig gesunken ist. Es werden mit beinahe stoischer Ignoranz in den Medien fälschlicherweise immer nur die absoluten Zahlen, nicht aber die relativen (also zB die Positivrate) betrachtet :

 

         KW               Testzahlen             positiv                         Positivrate               Steigerung der Tests im Vgl. zur Vorwoche

20

432666

7233

1,7%

107,1

21

353467

5218

1,5%

81,7

22

405269

4310

1,1%

114,7

23

340986

3208

0,9%

84,1

24

326645

2816

0,9%

95,8

 

Angeblich hätte es ebenso im Oktober einen explosionsartigen Anstieg der Fälle gegeben:

 

         KW               Testzahlen             positiv                         Positivrate               Steigerung der Tests im Vgl. zur Vorwoche

 

40

1103455

18356

1,7%

94,5

 

41

1167428

29003

2,5%

105,8

 

42

1263716

44759

3,5%

108,2

 

43

1418726

78106

5,5%

112,3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wo ist die Explosion??

 

 

 

 

 

 

Und die angesprochene Veränderungen zwischen dem 4.01.2021  und 13.02.2021 (Testzahlen sinken, „Infizierten-“zahlen steigen) ist ebenfalls nicht nachvollziehbar. Die Testzahlen sind nicht einschneidend gesunken, aber die Positivquote sinkt stetig. Dies ist umso verwunderlicher, als dass uns immerzu nur von steigenden Zahlen berichtet wird?

 

KW           Testzahlen             positiv                         Positivrate               Steigerung der Tests im Vgl zur Vorwoche

 

 

1

1231405

157772

12,8%

100,0%

 
 

2

1187564

124037

10,4%

96,4

 
 

3

1113690

110163

9,9%

93,8

 
 

4

1151633

97383

8,5%

103,4

 
 

5

1101499

82436

7,5%

95,6

 
 

6

1060602

67882

6,4%

96,3

 

 

 

Fazit: In Osnabrück wird seit der 7. KW deutlich mehr getestet. Die Fallzahlen sind seitdem ebenfalls leicht angestiegen – eine Korrelation ist lt. vorliegendem Datenmaterial gegeben. Bei einer Inzidenz von 200 sind in Osnabrück nur rd. 330 Menschen positiv getestet, nicht infiziert, das entspricht lediglich rd. 0,2 % der Bevölkerung. Maßnahmen an dieser Kennzahl auszurichten, ist m.E. nicht nur höchst zweifelhaft, sondern absolut unverhältnismäßig. Die Maßnahmen müssen zurück genommen werden. Die Bevölkerung  ist – wenn überhaupt – nur noch über relative Zahlen, also das Verhältnis von durchgeführten Tests im Vergleich zu den positiven Fällen, in Kenntnis zu setzen. Absolute Zahlen wie Inzidenzen oder Fallzahlen machen absolut keinen Sinn. Schon Albert Einstein wusste: Die Definition von Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun und auf Änderungen zu hoffen. Also lassen wir es doch.

 

Mit herzlichen Grüßen,

Kerstin Meyer-Leive